Fortsetzung Diplomrede Frau A. Günther, Schulleiterin Benedict-Schule St. Gallen

Wir feiern heute ausserdem die Abschlüsse unserer MPAs sowie unserer Teilnehmenden der Intensivkurse Deutsch als Fremdsprache, die erfolgreichen Arzt- und Spitalsekretärinnen und Med. Sekretärinnen H+ und die Absolventen des Lehrgangs ICT Professional PC/Network SIZ.
Vorab eine Bemerkung zum Ablauf: Ich bitte alle Diplomanden geduldig zu sein und mit Respekt auch dem letzten Diplomierten noch einen grossen Applaus zu spenden. Denn den haben Sie alle verdient.
Weiter bitten wir alle Absolventen der unterschiedlichen Lehrgänge zu einem Gruppenfoto hier vorn stehen zu bleiben. Wir werden immer nach den Fotos gefragt: Sie können diese Fotos dann auf unserer Homepage oder auf Facebook herunterladen. Wenn Sie nicht aufs Foto möchten, dann ist das problemlos möglich - setzen Sie sich dann einfach nach der Entgegennahme des Diploms oder Fähigkeitszeugnisses wieder auf Ihren Platz.

Geschätzte Diplomandinnen und Diplomanden,
das ist heute ein ganz besonderer Moment. Sie haben es geschafft. Alle Prüfungen bestanden, viel Wissen erworben. Ich hoffe, Sie haben u.a. auch gelernt, Ihren Kopf zu benutzen, so wie der berühmte Physiker Niels Bohr:
Die folgende Anekdote soll sich angeblich während einer Physikprüfung an der Universität von Kopenhagen abgespielt haben:
Die Prüfungsfrage lautete: "Beschreiben Sie, wie man die Höhe eines Wolkenkratzers mit einem Barometer feststellt."
Ein Kursteilnehmer antwortete: "Sie binden ein langes Stück Schnur an das Barometer, senken dann das Barometer vom Dach des Wolkenkratzers zum Boden. Die Länge der Schnur plus die Länge des Barometers entspricht der Höhe des Gebäudes."
Diese originelle Antwort entrüstete den Prüfer dermassen, dass der Prüfling sofort entlassen wurde. Dieser appellierte an seine Grundrechte mit der Begründung, dass seine Antwort unbestreitbar korrekt war. Darauf ernannte die Universität einen unabhängigen Schiedsrichter, um den Fall zu entscheiden. Der Schiedsrichter urteilte, dass die Antwort in der Tat korrekt war, aber kein wahrnehmbares Wissen von Physik zeige. Um das Problem zu lösen, wurde entschieden, den Prüfling nochmals herein zu bitten und ihm sechs Minuten zu geben, in denen er eine mündliche Antwort geben konnte, die mindestens eine minimale Vertrautheit mit den Grundprinzipien von Physik zeigte.
Für fünf Minuten sass Neils Bohr still, den Kopf nach vorne und in Gedanken versunken. Der Schiedsrichter erinnerte ihn, dass die Zeit lief, worauf er antwortete, dass er einige extrem relevante Antworten hatte, sich aber nicht entscheiden könne, welche er verwenden solle. Als ihm geraten wurde, sich zu beeilen, antwortete er wie folgt:
"Erstens könnten Sie das Barometer bis zum Dach des Wolkenkratzers nehmen, es über den Rand fallen lassen und die Zeit messen, die es braucht, um den Boden zu erreichen. Die Höhe des Gebäudes kann mit der Formel H=0.5g x t im Quadrat berechnet werden. Das Barometer wäre allerdings kaputt!
Oder, falls die Sonne scheint, könnten Sie die Höhe des Barometers messen, es hochstellen und die Länge seines Schattens messen. Dann messen Sie die Länge des Schattens des Wolkenkratzers, anschliessend ist es eine einfache Sache, anhand der proportionalen Arithmetik die Höhe des Wolkenkratzers zu berechnen.
Oder, wenn der Wolkenkratzer eine äussere Nottreppe besitzt, wäre es am einfachsten, hinauf zu steigen, die Höhe des Wolkenkratzers erst in Barometerlängen abzuhaken und oben zusammenzählen.
Wenn Sie aber bloss eine langweilige und orthodoxe Lösung wünschen, dann können Sie selbstverständlich das Barometer benutzen, um den Luftdruck auf dem Dach des Wolkenkratzers und auf dem Grund zu messen und den Unterschied bezüglich der Millibar umzuwandeln, um die Höhe des Gebäudes zu berechnen.
Aber, da wir ständig aufgefordert werden, die Unabhängigkeit des Verstandes zu üben, wäre es viel einfacher, an der Tür des Hausmeisters zu klopfen und ihm zu sagen: "Wenn Sie ein nettes neues Barometer möchten, gebe ich Ihnen dieses hier, vorausgesetzt, Sie sagen mir die Höhe dieses Wolkenkratzers."
Geschätzte Diplomandinnen und Diplomanden, wenn die Geschichte vielleicht auch nicht wahr ist, so ist sie auf jeden Fall gut erfunden. Ich hoffe, Sie sind in der Beantwortung vom Prüfungsfragen und Fragen des Lebens ebenso kreativ wie der Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr hier.
Sie haben nun viel Wissen erworben, haben als MPA oder Arzt- und Spitalsekretärin vieles über den menschlichen Körper gelernt, als Kauffrau oder Kaufmann verstehen Sie nun, wie Unternehmen funktionieren. Machen Sie etwas draus - aus der Bildung und aus dem Titel.
Wie fühlt sich das an? Sie sind glücklich, zufrieden und stolz. Nach der ersten Euphorie beschleicht Sie vielleicht auch ein seltsames Gefühl. Geschafft - und jetzt? Wie geht es nun weiter? Werde ich eine Stelle finden?
Beispiele aus unserer Schule zeigen, dass Sie optimistisch sein können, wenn Sie es gut anpacken:

Frau Olivia S. arbeitet seit der Ausbildung als MPA, und ist seit einigen Jahren die Leiterin im Santémed Zentrum in Frauenfeld. Sie hat die Ausbildung zur eidg. Führungsfachfrau absolviert, und ist heute immer wieder als Lehrperson in der MPA Ausbildung an unserer Schule tätig.

Frau Laura C. hat nach der MPA- Ausbildung in diesem Bereich gearbeitet, sich weitergebildet zum Lerncoach, und diverse Weiterbildungen besucht. Sie ist nun seit über 7 Jahren erfolgreich Lehrerin an unserem medizinischen Zentrum.

Frau Caroline S. arbeitet seit der Ausbildung als MPA in verschiedenen Praxen, und seit 5 Jahren als leitende MPA in der Gruppenpraxis Orthopädie am Rosenberg in Widnau. Sie ist seit 2011 an unserer Schule auch als Lehrperson in der Erwachsenen- und Grundbildung tätig.

Frau Grace G. hat als Fremdsprachige bei uns zunächst Deutschkurse Intensiv besucht, dann das KV B-Profil begonnen, konnte ins E-Profil wechseln und arbeitet heute bei Bühler AG Uzwil.
Herr Martin E. hat bei uns ebenfalls das KV absolviert und dann eine eigene Firma gegründet, mit der er heute erfolgreich im Computerspiele-Sektor unterwegs ist.
Eine Bekannte von mir, Maria de B. hat kürzlich die Ausbildung zur "Arzt- und Spitalsekretärin" absolviert und noch den Sprechstundenassistenz-Teil absolviert und dann Bewerbungen geschrieben. Sie war immer wieder frustriert und mutlos. Sie ist keine 20 mehr und hat eine Familienpause gemacht. Als Mutter suchte sie ein Teilzeitpensum - das ist nicht so leicht zu finden. Schliesslich hatte sie 200 Bewerbungen geschrieben und war kurz davor zu verzweifeln. Da wurde sie plötzlich von einem ihr bekannten Arzt angefragt, der wusste, dass sie auf Arbeitssuche war, und arbeitet nun keine 5 Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Ein Happy End.
Daher möchte ich Ihnen heute Mut machen: Schreiben Sie Bewerbungen. Suchen Sie aber auch Wege, die nicht alle gehen. Fragen Sie im Bekanntenkreis herum. Es gibt die Theorie, dass jeder mit jedem über sechs Ecken verbunden ist - sagen Sie also wirklich dem ganzen Bekanntenkreis, dass Sie auf der Suche sind. Bei meiner Bekannten war es auch das Beziehungsnetz, das ihr half - sie wurde von dem Arzt gefunden und angefragt.
Schreiben Sie Initiativbewerbungen, dorthin, wo Sie gerne arbeiten möchten. Dann ist Ihre Bewerbung die einzige und nicht eine unter Hunderten, also haben Sie schon rein mathematisch eine bessere Chance. Firmen schreiben zudem nicht alle ihre Stellen aus.
Man sagt: "Faulheit ist, mit dem Cocktailshaker in der Hand auf ein Erdbeben zu warten." Tun Sie das nicht, sondern werden Sie aktiv. "15 bis 20 Prozent aller Stellen werden aufgrund von sogenannten Initiativbewerbungen vergeben", schätzt Roger Gfrörer, Leiter der Abteilung Career Services der Universität Zürich. Zeigen Sie Ihre Begeisterung für die Firma, bei der Sie arbeiten möchten, und erläutern Sie, warum Sie genau dort arbeiten wollen.
Und geben Sie nie auf. Wirklich nie. Machen Sie es wie Niels Bohr. Nutzen Sie Ihr Potenzial kreativ. Man kann die Höhe eines Wolkenkratzers auf komplizierte Weise berechnen, man kann aber einfach auch den Hausabwart fragen.
Ehe wir zur Überreichung der Diplome kommen, darf ich noch eine Lehrkraft zu mir bitten. Eine Lehrkraft, die seit 14 Jahren für uns unterrichtet. Eine Lehrkraft, die ganz bestimmt den Hausabwart gefragt hätte.
Liebe Frau Kölbener, liebe Nadège, darf ich dich anlässlich deiner bevorstehenden Pensionierung auf die Bühne bitten?
Liebe Nadège Kölbener, du hast seit 2002 viele viele Stunden Französisch für uns und bei uns erteilt. Seien wir ehrlich, das ist bisweilen eine sehr undankbare Aufgabe. Viele der Lernenden haben Englisch lieber, kein Wunder, in einer Welt, wo die spannendsten Dinge, nämlich die Popmusik, der Hiphop, der Rap, die moderne Esskultur, die ganze Jugendkultur von Englisch dominiert wird.
Und, auch das müssen wir zugeben: viele haben nicht die allerbesten Erinnerungen an Französisch in der Volksschule. Leider sind auch die meisten der mir bekannten Französischbücher nicht so gut wie die besten Englischbücher. Wie will man da jemanden motivieren?
Liebe Nadège, dieses Wunder, nämlich unsere Lernenden trotz all dieser Hürden zu motivieren und vielleicht bei dem einen oder anderen doch einen kleinen Funken Begeisterung zu entzünden, ist dir gelungen. Liebe Nadège, Im Oktober 2002 hast du bei uns begonnen. Wir danken dir sehr herzlich für 14 Jahre Unterricht unterschiedlichster Lernender, 14 Jahre unermüdliches Fragenbeantworten, 14 Jahre Mutmachen, 14 Jahre Subjonctiv, 14 Jahre Geduld. 14 Jahre des Eingehens auf ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Liebe Nadège, mit dir hatten wir eine Muttersprachlerin im Team, jemand, der akzentfrei Französisch spricht, jemand der den Lernenden nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur vermitteln konnte, jemand, der auch die Feinheiten der Sprache kennt, jemanden, der in unsere Schule Pariser Chic brachte. Auch das haben die Lernenden sehr geschätzt. Auch das ist ein Reichtum.  
Liebe Nadège, du hast vor einigen Jahren mit einer schlimmen Krankheit kämpfen müssen und du bist fast direkt nach der Operation wieder im Schulzimmer und bei den Schülern gestanden. Dein Engagement für die Lernenden ist ganz aussergewöhnlich. Die Krankheit hast du besiegt und wir hoffen, dass du viele Jahre bester Gesundheit vor dir hast!
Du hast in den 14 Jahren grob überschlagen 4500 Lektionen Französisch in der KV-Ausbildung erteilt - ich wiederhole das: 4500 Lektionen!  Wenn in jeder Stunde nur eine Frage gestellt wurde, hast du 4500 Fragen beantwortet.
Das grösste Lob für dich habe ich in unserem Sekretariat gehört. Wir sprachen dort vor 2 Wochen von deiner nahenden Pensionierung. Daraufhin rief spontan eine unserer Praktikantinnen, die auch deine Schülerin ist: "Kann Frau Kölbener uns nicht noch ein Jahr unterrichten? Sie ist super! Wir werden sie vermissen." Dem kann ich nichts hinzufügen - ausser - Danke!
Liebe Nadège, danke: im Namen all der Schülerinnen und Schüler, die auch dank dir Ihre Ausbildung erfolgreich absolvieren konnten, im Namen deiner dich sehr schätzenden Kollegen und im Namen deines Chefs Lorenz Hardegger. Applaus für Nadège Kölbener!

Geschätzte Diplomandinnen und Diplomanden, das Ziel ist in Sichtweite. Es liegt dort auf dem Tisch. Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich! - Danke für die Aufmerksamkeit.

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